„Dem kann es doch nicht gut gehen!“, dachte sich die etwas ältere Dame die mit einem Jungen an einer Ampel stand. Sie betrachtete ihn ein wenig näher, nachdem sie gemerkt hatte dass er leicht keuchte, sich an die Laterne gelehnt hatte, und alles in allem ziemlich fertig aussah. Es war noch immer Winter- und Coronazeit, man sah nicht viel mehr als nur die Augen von diesem mysteriösen Jungen, der sich stets mit Kapuze und Maske eingedeckt auf die Straßen begab. Zudem trug er eine ziemlich schwer aussehende Tasche, woraus sich schließen ließ, dass es wohl ein Schüler war.

Sie dachte darüber nach, und war sich plötzlich unsicher. Sie standen beide schon seit geraumer Zeit an dieser einen Ampel, die immer ewig lange brauchte, um endlich auf grün umzuschalten. Autos fuhren allerdings selten, wenn sogar überhaupt nicht, aber des Anstands wegen, wollten einige Bürger mal nicht so sein, und diese gerade mal knapp zweieinhalbmeter breite Straße nicht bei rot überqueren.

So wie auch die alte Dame, und der Junge nicht, der immer noch leise vor sich hin keuchte.

„Soll ich ihn ansprechen, und fragen ob es ihm gut geht?“, fragte sie sich innerlich. Aber dann dachte sie auch an die schwere Tasche, den Mundschutz, und die allgemeine körperliche Belastung im Winter, die dieser Junge da erleidet, und fragte sich, ob es denn zu peinlich wäre, da sie dann dumm dastehen würde, und ein weiterer Jugendlicher ein falsches Bild von der älteren Generation mitnehmen würde. Worte wie: „Ok Boomer!“ hatte sie schon oft genug von Jugendlichen in seiner Gestalt gehört, und fragte sich bis heute, was das denn zu bedeuten habe. Also sollte sie…?

Aber andererseits könnte sie sich niemals verzeihen, wenn sie später in der Zeitung, und im Fernsehen, die Nachrichten von einem, später auf dem Weg durch einen Kollaps verunglückten Jungen zu lesen, mit dem Wissen, dass sie hätte handeln können, und als Ausrede das peinlichste aller Argumente liefern: Dass sie sich nicht getraut hätte einen Jugendlichen anzusprechen, da er alte Menschen potentiellerweise ja nicht ernst nehmen könnte. Dieser regelrechte Sturm von Gedanken ließ die Witwe die komplette Stille um sie herum vergessen.

Es war ruhig. Schon die ganze Zeit. Das leise Keuchen des Jungen hat ja sonst niemand außer die Dame mitbekommen, und das auch nur durch genaues hinhören. Dieser hatte sich wieder beruhigt, wartete, starrte die Ampel an, genoss den Schnee, der auf seine Kapuze, und auf seine Maske fiel, und dachte einfach nur an die Tatsache, dass es ihm schön warm war. Allerdings hatte er nicht viel geschlafen, und, wie jeden Tag, noch einen langen Weg vor sich. Er merkte selbst das Herz in seiner Brust schlagen, als er an der Ampel ankam, noch nicht mal rennend oder schnell gehend, einfach nur mit dem schweren Gepäck und gemütlichen 2 km/h. Doch selbst das brachte ihn schon an seine Grenzen. Seine Augen wurden ihm schwarz, und viel sehen konnte er nun auch nicht mehr, nur wegen dem Schnee. Da kam ihm die Laterne gerade recht, er lehnte sich gegen sie, merkte wie sein feuchter Atem vor seinen Augen kondensierte, und genoss einfach den Moment.

Währenddessen hatte die Frau eine kleine Existenzkrise. Sie wusste nicht mehr, was real war. Sollte sie nach ihrem Gefühl, oder nach der Vernunft handeln? Einen Notarzt rufen, oder den jungen ignorieren? „Würde ich immer so handeln? Habe ich schon immer so gehandelt?“, fragte sie sich. „Bin ich ein Boomer? Bin ich quasi unsichtbar für die Jugend? Ist die Jugend unsichtbar für uns ältere?“

Die Ampel schaltete nach zwei Jahrzehnten, ohne ein einziges Vehikel in der Zeit vorbei ziehen zu sehen, auf ein ziemlich grünes Grün, und entließ den Jungen von seiner gestützten Position. Die Dame sah ihm gedankenverloren hinterher, mit der Frage, ob er denn gesund sei, denn nicht wirklich Hilfe bräuchte, denn nicht wirklich so eine schwere Tasche tragen sollte. „Wenn er Hilfe gebraucht hätte, hätte er mich gefragt“, sagte sie sich schließlich, und folgte mit schweren, langsamen und vorsichtigen Tritten dem Fußgängerweg. Das Gebäude in dem sie lebte war nicht weit entfernt, der Weg auch nicht allzu rutschig.

Am nächsten morgen sah der Junge in der Zeitung, dass eine ältere Witwe anscheinend einen Herzanfall kurz vor ihrem Wohnungsblock erlitt, und an dessen Folgen verstarb.

Der junge Briefträger, der ihre Leiche am morgen entdeckte, und das ganze anscheinend für einen Scherz hielt, sagte zu sich selbst „Ok Boomer“.


Interpretationen überlasse ich Ihnen.

Wie immer, wünsche ich noch einen wunderschönen Tag, bleibt neugierig, und…

Vielen Dank für’s Lesen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: