Gelber Bus

Einmal verrutscht, und es wäre vorbei. Dafür könnte niemand etwas, nur die Schuhsohle und der Schlamm.

Sonst wäre niemand dafür schuldig, für das, was dann mit Marc geschehen würde. Die Gefahr war groß, wäre er am Boden, käme er nie wieder hoch. Dann würde er nicht rennen können. Und das müsste er, ehe es zu spät wäre.

Dafür hat er nie in seinem Leben trainiert, er wusste ja nicht einmal, dass solche Situationen existieren. Das sie auch für ihn existieren, auch in seinem Leben mal auftreten würden, gottverdammt, warum hatte er denn nicht mehr Sport getrieben, ist nicht mehr gelaufen, hat sich keine Ausdauer angeeignet ? Es wäre alles nützlich gewesen, in dieser außergewöhnlichen Situation, in der sowohl Oben, als auch in allen Himmelsrichtungen eine Gefahr lauerte.

Der gelbe Bus schwebte bedrohlich in der urwäldischen Luft. Gestützt von den Ästen eines alten morsch aussehenden Amazonas-Baumes, hing dieses verwitterte, zersetzte, gar mysteriöse Gebilde in den Urwald hinab. Manchmal baumelte es im Wind, oder es knackste einfach so, ohne Grund, irgendwo am Baum, und der Bus würde noch etwas tiefer hängen. Irgendwo zwitscherten seltene, bunte Vögel kurz auf, ehe sie verschwanden, da sich ein Sturm näherte.

Marc war genau darunter, unter diesem Bus. Keine gute Wahl, ein Idiot würde ihn nun für dumm erklären. Doch er hatte keine Wahl. Er wusste zwar nicht, was diese Frauen wollten, warum sie ihn mit einem so komischen Kampfschrei anstürmten, und mit Speeren nach ihm warfen, doch sie taten es.

Grund genug, sich in einer weniger gefährlichen, aber halt nur etwas weniger gefährlichen Lage aufzuhalten.

Der Baum war schon alt. Der rostige Bus hing da schon lange.

Die Wahrscheinlichkeit, dass er genau in diesem Augenblick fallen würde, war somit gering. Mit diesem, oder einem ähnlichen Gedanken, versuchte er sich Hoffnung zu machen.

Es regnete und stürmte, es war kaum ein Auge aufzukriegen, ohne eine regelrechte kleine Überschwemmung von nahem im Auge miterleben zu dürfen. Zu müssen.

Auch hierfür hätte er trainieren können, dachte er zumindest, wenn er gerade dabei war sich Vorwürfe zu machen.

Weniger vor dem PC, dem Handy. Weniger auf das nächstbeste Starren, auch mal weiter hinaus, an den Horizont, in den Himmel schauen. Einfach so. Sich Dinge vorstellen, statt sie zu nur zu sehen. Die Dinge von woanders betrachten. Jetzt fielen ihm auch soviele Diskussionen ein, in denen er auch wirklich falsch lag.

Wie absurd war es denn, das der Bus dann, genau dann herunter fallen würde, in dem Moment, in dem eine der Amazonen ihn von hinten flankierte, und sie beide unter dem einstigen Gefährt begraben werden würden?

Niemand wusste es. Aber die Trauer um die beiden war trotzdem groß. Sowohl von Seiten der hinterbliebenen Amazonen, als auch von Seiten der Zivilisation.

Die Presse bekam durch einen Journalisten, der ursprünglich eine Dokumentation über die Amazonen machen sollte, davon mit, und eine kleine, unbedeutende Redaktion verfasste zu Ehren dieses fremden Mannes eine Titelseite, mit der Aufschrift : « Unglaublicher Zufall tötet unschuldigen Mann » was allein für sich schon eine empörende Geste war.

Die Amazonin wurde nie erwähnt. Der Grund, weshalb sie sich auf Marc stürzte, auch nicht. Schade, denn sonst hätten die Leute erfahren, dass Marc gar nicht so unschuldig war.

Marc selbst hatte zwar keine Hinterbliebenen, wollte er ja auch nie, aber er hatte gute Bekannte, die ebenfalls verwandt waren, mit den Amazonen. Was für einen Zufall es doch darstellte, dass seine erste Liebe auch eine Amazonin war, nein, es war sogar diejenige, von der Marc hinterrücks flankiert, und danach mit ihr begraben wurde !

Wie das Leben so spielte. Für manche ein Rätsel, für andere ein vergnügliches Konzept, und für wieder andere, gar keine Frage.

Was für diese Menschen infrage käme, seien nur äußerst wichtige Dinge. Wie Arbeit. Oder so.

Wie die Redaktion. Oder viele andere Menschen.

Arbeiten. An so einem Projekt. Wie einem … wichtigen Ding.

An der Schule!

Na ja… gibt es ja schon genug.

Dann an einer Maschine! Ja!

Einem Transportmittel! Einem Auto!

Nein, das geht besser: Einem Bus! An einem Bus wollen sie arbeiten.

Aber ein bisschen Bedeutung darf schon auch dabei sein. Kommt bestimmt gut an.

Bringt Geld. Also wird ein … Schulbus gemacht.

Daran wollen sie arbeiten.

Ja, an einem Schulbus. Einem amerikanischen Bus.

Einem gelben Bus.

Veröffentlicht von Ventusator

Eigentlich bin ich manchmal ganz nett. Sometimes I may actually be nice.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: